Eisenbahnfahrt Lhasa - Xining

Technisch gesehen schlaegt die Lhasa- oder Tibetbahn alle Rekorde! Der Scheitelpunkt liegt auf 5.072 m Hoehe am Tanggula Pass. Fast die Haelter der 1.956 km von Lhasa nach Xining liegt ueber 4.000 m -Fahrzeit etwa 25 Stunden. Die Trasse Lhasa - Golmud ist ganz neu, auch die komplette Infrastruktur wie Bahnhoefe etc. Seit etwa einem Jahr laeuft der Fahrbetrieb - wir sind sehr gespannt!

Am Stadtrand beginnt die hypermoderne Autobahn mit der hypermodernen Bruecke ueber den Tsangpo (?) - von hier ein schoener letzter Blick auf den Potala in der Ferne. Auf der anderen Seite ein komplett neues Stadtviertel. An den Strassenraendern sind ueberall Baeume gepflanzt, die Fusswege sind mit eleganten Steinplatten ausgelegt, edlen Strassenlaternen, Haeuser vom Feinsten ...

Grosser neuer Bahnhof aus rotem Sandstein mit cremefarbigen Granitplatten abgesetzt, grosser neuer Parkplatz - leider keine Gepaeckwaegelchen - wir schleppen selbst! Am Eingang Sicherheitskontrollen wie auf den Flughaefen - sowohl wir als auch unser Gepaeck wird durchleuchtet. Wir lassen uns im geschmackvollen Wartesaal auf den eleganten Holzbaenken nieder - und werden gleich wieder hochgescheucht! Wir muessen in den 1. Klasse Wartessaal umsiedeln, da wir ja 1. Klasse Fahrkarten haben - ahhhh - weiche, cremefarbene Ledersofas! Tja, nun muss jeder ein chinesisches Formular ausfuellen - ein Gesundheitszertifikat (Xiang kann uns viel erzaehlen!) - das verlangen die Behoerden hier zu ihrer Absicherung, wegen der Höhe. Für uns ja nun wirklich kein Problem mehr, wir sind ja schon 2 Wochen hier oben unterwegs!

Der Preis auf unseren Fahrkarten: 80 Euro, aber Xiang musste noch je 40 Euro 'unter der Hand' drauflegen - dafuer sind wir alle ( huebsch auf viele Abteile in 2 Waggons verteilt ) in der 1. Klasse und das bedeutet: 4-Bett-Abteile. Nur unser Meister (Xiang) sitzt 7 Waggons weiter in der 2. Klasse  ... E rmuss jetzt sowieso zeigen, was er kann. Wir wollen naemlich alle zusammen sitzen und ich will unten schlafen! Unbedingt - habe ich ihm nun schon 4 mal erzaehlt, als ich das naechste Mal in seine Naehe komme, verdreht er genervt die Augen  :-))

Wir blinzeln in den Wartesaal 2. Klasse, dort stehen die Chinesen und Tibeter sehr diszipliniert in Reih und Glied an jeder Tür zum Bahnsteig - aber wir duerfen vor. Es ist 10.50 h, genau eine halbe Stunde vor Abfahrt. Der Zug hat 16 Waggons und (im Moment) eine Lok. Der Bahnhof hat 4 Bahnsteige mit 8 Gleisen, ueberall freundliches Personal, die uns weiterhelfen. Man führt uns in unsere Abteile, zuerst einmal getrennt in viele verschiedene – aber Xiang arbeitet an dem Thema. Er flitzt durch die Waggons, stoppt hier einen Fahrgast, bremst dort den Schaffner aus – und er redert und erklärt wie ein Weltmeister. Nach kurzer Zeit hat er das erste Vierbett-Abteil für uns ergattert, der Zug füllt sich – Xiang läuft zu Hochform auf und - kurz danach hat er das zweite Vierbett-Abteil für uns eingetauscht!! Ich hatte ihn schon vorher genervt, daß ich unbedingt unten schlafen will. Also halte ich an meinem unteren Bett fest, es ist 3 Abteile weiter; der Dieter trudelt bei mir ein und die anderen 2 Betten bleiben frei – oh wie toll. Xiang setzt sich kurz ermattet zu uns, sein Platz ist 8 Waggons weiter in der Holzklasse ....

Die oberen 2 Betten sind fest heruntergeklappt – sie befinden sich so hoch, daß man prima und geräumig unten zu dritt sitzen kann. Überhaupt, das Abteil ist sehr gepflegt, piekfein und sauber, zarte klassische chinesische Musik spielt im Hintergrund, unter dem Fenster ist ein Tischchen befestigt mit: Tischdecke, Teekanne mit heissem Wasser, Goldrand-Kristall-Schälchen, einer kleine Uhr und einer Vase mit 2 echten Nelken! Darunter befindet sich ein Tritt-Mülleimer. Die Stores und Übergardinen schlage ich erst einmal hoch auf das obere Bett, damit man auch schön raus schauen kann. Im Gang befindet sich eine rot leuchtendes Schriftband über der Tür: die Höhe: 3.706 m (Lhasa), die Außen-Temperatur: 17° C, das Datum: Mittwoch, der 08. August 2007, die Uhrzeit: 11.15 h – es gibt eine Lautsprecherdurchsage – zuerst Chinesisch, dann Englisch: sowohl das Rauchen als auch Waffen und gefährliche Stoffe sind an Bord verboten! Es werden die 16 Waggons erklärt, es gibt u.a. einen Gepäckwagen, einen Personal-Schlafwagen, einen Spreisewagen, zwei 1. Klasse Wagen, einen Sitzwagen und mehrere Liegewagen der 2. Klasse und: einen ‚Medical Assistance‘ Wagen !!!!

 

Um 11.22 h (so gut wie pünktlich) rollt der Zug los! Die 4 Kleiderbügel im Abteil schaukeln sanft vor sich hin, ich ziehe die bordeigenen Puschen an. Wir fahren über die große neue Brücke, der Potala grüßt uns nochmals aus der Ferne, wir rollen durch die Vorstädte, Plattenbauten und Industriezonen Lhasas. Die Gleise teilen sich, nun folgt ein riesiges Frachtzentrum mit dem Güterbahnhof - hier ist was los!!! Der Zug nimmt Fahrt auf und wir rollen durch ein Gras bewachsenes Hochtal mit Viehherden und hier und dort kleine Gehöfte. Ich teste erst mal alle Knöpfe und Schalter: Licht, Musik, Klingel für den Schaffner. Jedes Bett hat am Fußende eine Videoscreen und über dem Kopfkissen eine Tastatur an der Wand – auch in Englisch! Power, Volume, Channel – daneben die Leselampe und der ‚Oxygen-Supply‘. Da kommt auch schon unsere Schaffnerin und verteilt kleine, in Zellophan verpackte Plastikschläuche. Die kann man dort anschließen und über die Oberlippe um den Kopf legen, dann strömt der Sauerstoff direkt in die Nase (genau so war das bei meiner Mutter im Krankenhaus auch!). Außerdem befindet sich noch über jedem Bett ein kleines Netz an der Wand und 2 Haken – das kann man dann sein Zeugs unterbringen. Die Koffer und Taschen sind entweder unter den Sitzen oder hoch oben über dem Gang (fast wie auf dem Dachboden).

 

Raps- und Gerstenfelder ziehen an uns vorbei, hier und dort kleine Dörfer, die Trasse folgt einem reißenden Fluß, in der Ferne sehen wir eine wild zerklüftete Gebirgskette. Um 13.30 h sind wir schon 1.000 m höher! Damxung – der erste Halt, es ist ein sehr schöner, großer Bahnhof. Auf dem Bahnsteig steht das Personal stramm, die Hände an der Hosennaht! Unserer Raucher springen kurz raus, die neuen Fahrgäste steigen ein - wir bekommen Zuwachs. Ein junges chinesisches Pärchen zieht bei uns ein, macht es sich gemütlich mit Puschen und so. Die Essenvorräte werden ausgepackt, Wie bekommen Salz-Aprikosen und Nüßchen angeboten und lächen uns an – leider sprechen sie kein Englisch! Ich inspiziere den Speisewagen und komme mit einer Schale voll mit Melonenstückchen und einer Nudelsuppe (5-Minuten-Terrine) zurück – je 5 Yuan. Im Abteil läuft der neueste Harry-Potter-Film auf dem Bildschirm, unsere Chinesen schauen konzentriert zu. Die Trasse folgt einem weiten sanften Tal entlang der schneebedeckten Tanglang-Shan Berge. Das Wetter ist trübe, einige Berge sind in den Wolken versteckt. Nomadenzelte, Reiter, hier und dort Yaks – der Zug fährt sehr ruhig, kein Gerüttel, kaum Fahrgeräusche.

 

Wir fahren jetzt durch die Berge, die Hänge sind hoch gemauert, überall stählerne Fangnetze, damit bloß kein Steinschlag auf der Trasse fällt. Ein etwas 10 minütiger Halt auf freier Strecke, wir schauen uns an – aha – der Gegenzug braust an uns vorbei, die Strecke ist eingleisig. Nach einer Weile befinden wir uns auf einer riesigen, sanft gewellten kargen Hochfläche, dem Chang Tang Plateau. Das Wetter hat sich verschlechtert, er regnet stark und der Wind jagt dunkle Wolken vor sich her. Hier und dort ein Tschörten, Schafe, Yaks – die Berge sind in der Ferne fast verschwunden. Der Boden ist mit etwas Gras bewachsen, es gibt viele Tümpel und kleine Seen. Durch den Permafrost-Boden kann das Wasse hier nicht versickern, der Boden ist nur an der Oberfläche aufgetaut! Ich beobachte fasziniert ein Gewitter in der Ferne, ein Blitz jagt den nächsten. Schwarze Wolken, in der Ferne die Scheeberge – was für ein Bild!

 

Ich muß mal – die Toilette hat eine Vakuum-Spülung wie im Flugzeug. Sie ist sehr sauber und es hängt sogar ein frisches Blumengesteck an der Wand! Um 15.25 h Naqshu, ein wichtiger Straßenknotenpunkt. Unsere Eisenbahntrasse folgt der wichtigen Überlandstrasse von Lhasa nach Golmud im Norden. Hier zweigt eine Strasse (Piste?) nach Chengdu im Osten ab. Die Chinesin in meinem Abteil läßt sich von ihrem Mann mit mir fotografieren J Der Zug fährt an einem riesigem See mit türkis-blauem Wasser, umrahmt von schneebedeckten Bergen, entlang und hält an einen hypermodernen Bahnhof – einen Ort können wir nicht entdecken. Aus dem Lautsprecher kommt stimmungsvolle Musik (schmelzende Geigen) ... Dieter und ich lagern gemütlich im Bett und lesen. Die Schaffnerin schaut vorbei und leert unseren überquellenden Tret-Mülleimer aus – so eine Bahnfahrt hat was!

 

17.00 h – Amdo – unser Zug hat etwa eine halbe Stunde Verspätung! Jetzt geht es bald bis auf 5.068 Höhe – der Tanggula Pass, weltweit höchste Punkt, der mit der Eisenbahn befahren werden kann! Von nun an geht’s bergab. Wir verlassen die ART (Autonome Provinz Tibet) und sind jetzt in der Provinz Qinghai. Historisch gesehen gehört Qinghai aber auch zu Tibet. Um 18.00 h hat Xiang für uns das Abendessen im Spreisewagen bestellt – es kostet 40 Yuan und ist enttäuschend.

 

Nachts schlafe ich ziemlich gut, die Liegefläche ist wunderbar gross, die Matratze gut gepolstert. Zum Frühstück treffen wir uns alle wieder im Speisewagen, die Landschaft ist herrlich, wir fahren entlang des Kuku-Nor Sees. Jetzt ist es gar nicht mehr weit bis Xining.

7.8.07 09:35

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